Der BBI und seine Flugrouten sorgen seit Monaten für Aufregung in Berlin und Brandenburg. In Woltersdorf sind die Meinungen geteilt. Wer im Schleusenviertel wohnt, verfolgt schon jetzt die Debatte mit Interesse. Andere nehmen es gelassen und verweisen auf die erwartete wirtschaftliche Belebung durch den BBI. Bewegung könnte eine neue Variante bringen, die letzte Woche in der Fluglärmkommission diskutiert wurde: Eine Route, die quer über Woltersdorf geht.

Flugverkehr über Woltersdorf

Bisher bekommt man in Woltersdorf vor allem die landenden Flugzeuge in Tegel und Schönefeld mit. Betroffen davon ist in erster Linie das Schleusenviertel, wie die folgende Grafik beispielhaft zeigt.

Beispielhaft: Schönefeld-Anflüge am 1. Februar 2011 (Quelle: Deutsche Flugsicherung)

Beispielhaft: Schönefeld-Anflüge am 1. Februar 2011 (Quelle: Deutsche Flugsicherung)

Besonders reger Flugverkehr herrscht in den Monaten Mai, Juni und März. Der Deutsche Fluglärmdienst hat im letzten Jahr am Messpunkt Grünheide (das ist der nächstgelegene) rund 10.000 Flugbewegungen gezählt. Woltersdorf überfliegen an einem verkehrsreichen Tag 39 Flugzeuge (in minimal 700 m Höhe) bei Westwind und 28 Flugzeuge (in minimal 2,3 km Höhe) bei Ostwind. Das hat die Deutsche Flugsicherung ermittelt. Was wird sich ändern?

Neuer Flughafen, neue Flugrouten

Durch die Erweiterung des Schönefelder Flughafens auf zwei Landebahnen müssen auch die Flugrouten aufeinander abgestimmt werden. Darüber berät die Flugsicherung. Sie muss sich dabei ihrerseits beraten lassen von der Fluglärmkommission, in der u.a. verschiedene Kommunen aus dem Umland des BBI sitzen.

In der seit September letzten Jahres laufenden Diskussion ging es zunächst nur um die Abflüge. Die Anflüge werden erst ab dem 14. März diskutiert und die endgültigen Routen erst kurz vor Eröffnung des BBI 2012 festgelegt. Zu erwarten sind täglich 670 “Flugbewegungen” im ersten Jahr, kalkuliert die Landesregierung. Diese werden sich verteilen auf West- und Ostrichtung und beide Startbahnen. Glücklicherweise gibt es bei uns mehr West- als Ostwind.

Der erste offizielle Vorschlag der Flugsicherung von 2010 überraschte in Woltersdorf wahrscheinlich nicht sonderlich. Denn er war auf den Ort bezogen identisch mit Plänen, die schon während des Planfeststellungsverfahrens 2004 im Umlauf waren. Bei Ostwind sollen die Abflüge von der Nordbahn in gerader Verlängerung der Startbahn erfolgen. Über Erkner kommend würden die Flugzeuge demnach südöstlich am Woltersdorfer Schleusenviertel vorbeifliegen.

Überall regte sich Protest

Für alle anderen Abflugrichtungen gab es aber erhebliche Abweichungen gegenüber den Angaben von 2004. Die Folge: Monatelange Proteste in den Regionen, die nun überflogen werden sollten. Die Flugsicherung berief sich auf eine Regel der Internationalen Zivilluftfahrtorganisation (ICAO), die offenbar vorher nicht berücksichtigt wurde. Demnach müssten aus Sicherheitsgründen bei voller Auslastung des BBI und damit notwendigen zeitgleichen Starts die Abflugrouten seitlich “abknicken”, sodass die Flugzeuge in einem Winkel von 15 Grad auseinanderdriften.

Diskutierte Flugrouten im Januar 2011 (blau: geradeaus, rosa: 15 Grad) (Quelle: Deutsche Flugsicherung)

Diskutierte Abflugrouten im Januar 2011 (blau: geradeaus, rosa: 15 Grad) (Quelle: Deutsche Flugsicherung)

Die Proteste sorgten dafür, dass die Flugsicherung der Fluglärmkommission im Januar einen neuen Routenvorschlag machte. In der Grafik links ist die erste Planung vom September 2010 blau eingezeichnet (geradliniger Abflug), der neue Vorschlag ist rosa (15-Grad-Abflugroute). Woltersdorf wurde in die Zange genommen. Doch der Ort sollte eine noch zentralere Rolle bekommen. Die Fluglärmkommission bat die Flugsicherung nämlich fast einstimmig, auch einen “Mittelweg” zu prüfen: Eine 7,5-Grad-Route.

7,5-Grad-Route direkt über Woltersdorf

Die wurde am vorletzten Montag (14. Februar) von der Flugsicherung vorgestellt. Die dritte Route führt direkt über das Zentrum von Woltersdorf (hellblaue Linie in der folgenden Grafik). Die Idee dabei ist, den erforderlichen 15-Grad-Winkel auf beide Startbahnen gleich zu verteilen. Um den 15-Grad-Winkel zu erreichen, wird also eine halbe Abknickung der Nordbahn nach Norden und der Südbahn nach Süden (nicht im Bild) überlegt.

Woltersdorf mittendrin: Alternative Flugrouten und Belastung der Bevölkerung (in Tausend) im Februar 2011 (rosa/gelb: geradeaus, braun/hellblau: 7,5 Grad, grün/dunkelblau: 15 Grad) (Quelle: Deutsche Flugsicherung)

Woltersdorf mittendrin: Alternative Flugrouten und Belastung der Bevölkerung (in Tausend) im Februar 2011 (rosa/gelb: geradeaus, braun/hellblau: 7,5 Grad, grün/dunkelblau: 15 Grad) (Quelle: Deutsche Flugsicherung)

Die Flugsicherung hat dabei auch erstmals die jeweils belastete Bevölkerung in Zahlen gemessen (in der Grafik: in Tausend). Dabei kam heraus, dass der Geradeausflug am günstigsten sei. Die 15-Grad-Route sei am belastendsten und die 7,5-Grad-Route irgendwo dazwischen.

Interessant ist aber: Das gleiche gilt auch für die Südbahn. Je weiter die Route abknickt, desto mehr Bevölkerung wird betroffen sein. Das heißt: Es muss wahrscheinlich ein Kompromiss zwischen der Abflugroute für Nord- und Südbahn gefunden werden. Die Woltersdorfer Hoffnungen ruhen deswegen auf Erkner in der Fluglärmkommission. Die Stadt hat sich im Vorfeld der letzten Kommissionssitzung bereits für die 15-Grad-Variante bzw. die (nicht mehr diskutierte) Ursprungsvariante südlich von Erkner ausgesprochen.

Brandenburgische Gemeinden in der Fluglärmkommission BBI (15 von 35 Mitgliedern) (Karte vergrößern)

Aktualisierung 28. März 2011: Woltersdorf, Schöneiche, Hoppegarten und Mittenwalde (14. März) wurden überraschend doch in die Fluglärmkommission aufgenommen, dadurch jetzt 19 von 39 Mitgliedern


Landesregierung: 7,5-Grad-Route in Spitzenzeiten

Die Landesregierung hält dagegen die 7,5-Grad-Route für ausgewogen. “Da die ICAO keine verbindlichen Angaben dazu macht, wie die Divergenz von 15 Grad bei zeitgleichen Abflügen auf die Flugwege zu verteilen ist, geht die Planfeststellungsbehörde [...] grundsätzlich von einer symmetrischen Verteilung aus, so dass sich für jede Richtung 7,5 Grad Abweichung von den ansonsten parallel verlaufenden Abflugwegen ergibt.”

Außerdem zweifelt sie an der Verbindlichkeit der 15-Grad-Regel der ICAO, und sieht sie nicht (wie die Flugsicherung) als verpflichtend, sondern nur als Empfehlung an. Auf dem Flughafen München seien von der Flugsicherungauch zeitgleiche Starts erlaubt worden.

Geteilte Meinungen in der Gemeindevertretung

Der Woltersdorfer Bürgermeister Dr. Rainer Vogel, der im Schleusenviertel wohnt, ist schon jetzt genervt von den Flugzeugen, die über sein Haus fliegen. Seine Partei, die Grünen, teilt die radikale Ablehnung des neuen Flughafens. Dr. Vogel bezeichnete den BBI im vergangenen Jahr als “Totgeburt”. Seiner Ansicht nach gehört der Flughafen nach Sperenberg. Die Grünen hielten im Ort eine Informationsveranstaltung für Flughafengegner ab.

In der letzten Gemeindevertretersitzung, in der das Thema zur Sprache kam (9. Dezember 2010), setzten sich die Grünen dafür ein, dass Woltersdorf in Fluglärmkommission und Umlandschutzgemeinschaft aufgenommen wird – auch wenn es Geld kosten sollte. Das ist nachvollziehbar, wenn man sich anschaut, wie jede Gemeinde in der Fluglärmkommission ein ganz eigenes Interesse an bestimmten Routenverläufen hat. Unterstützt wurden die Grünen von den Linken. Prof. Dr. Eva Böhm betonte, man müsse “am Ball bleiben” und “das Maximale für Woltersdorf rausholen”.

Die übrigen Parteien im Ort teilten die Ablehnung des Flughafens nicht. Lediglich ein Nachtflugverbot schien Konsens zu sein. CDU/ FDP, WBF und SPD waren gegen eine Teilnahme an Gremien, wenn es etwas kostet. So unterstützten sie zwar den Antrag auf Aufnahme in die Fluglärmkommission (der von der Landesregierung abgewiesen wurde), lehnten aber einen Antrag auf Mitgliedschaft in der Schutzgemeinschaft Umlandgemeinden Flughafen Schönefeld e.V. ab. Dort sind Bürgermeister betroffener Gemeinden organisiert. Die Vereinsmitgliedschaft hätte Woltersdorf 9.700 Euro jährlich gekostet. Insbesondere das WBF hielt das Gremium aber auch für kein sonderlich geignetes, um die Interessen des Ortes zu vertreten.

Die CDU betonte darüberhinaus die wirtschaftliche Bedeutung des Flughafens. Insgesamt schienen CDU/ FDP, WBF und SPD auf dem Standpunkt zu stehen: Wir haben bisher mit den Flugzeugen gelebt, warum nicht auch in Zukunft? Die Nähe zum Flughafen ist ein Vorteil, deswegen sollte man auch mit den Nachteilen leben können.

Ausblick

Die endgültigen Flugrouten, vorausgewählt durch die Flugsicherung, werden erst kurz vor Eröffnung des BBI durch das Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung festgelegt. Die nächste Sitzung der Fluglärmkommission, welche die Flugsicherung berät, wird am 14. März stattfinden.

Interessant wird auf jeden Fall die dann ebenfalls beginnende Diskussion um die Anflugrouten, die bisher noch gar nicht stattgefunden hat. Bekannt ist bislang nur, dass die Flugzeuge 18,5 Kilometer vor der Landebahn geradeaus daraufzufliegen müssen. Das hieße, die Flugzeuge mit Landebahn Nord würden sich nordöstlich von Erkner sammeln. Woltersdorf, das in Luftlinie etwa 16 Kilometer vom zukünftigen BBI entfernt ist, würde möglicherweise von den Schneisen betroffen sein.


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